Wie ich meine drei größten Reiseängste besiegt habe

Kofferraum in der Transsibirischen Eisenbahn, Dominik Sommerer, Dominiks Welt

Die Welt ist gefährlich und schlecht. Das suggerieren uns täglich die Medien wo Schlagzeilen über politische Spannungen, Flugzeugabstürze und Steuerhinterziehung dominieren. Unbewusst hat dies einen großen Einfluss auf unser Denken und unsere Gefühle. In dieser Episode stelle ich meine drei größten Reiseängste vor, wie ich damit umgegangen bin und wie sich mein Weltbild durch meine erste Langzeitreise geändert hat.

Meine drei größten Reiseängste

Vor meiner Abreise hatte ich drei große Reiseängste:

1. Angst vor Diebstahl, Überfall und Raub

Ich hatte Angst davor alleine mit viel Gepäck unterwegs zu sein und durch Länder mit zweifelhaftem Ruf wie Russland zu reisen.

2. Angst vor Krankheit und Tod

Ich hatte Angst davor unterwegs krank zu werden und dass zu Hause jemand schwer erkranken oder sterben könnten.

3. Angst vor Einsamkeit

Ich hatte Angst davor alleine, so lange und so weit wie noch niemals zuvor von meinen Lieben und meiner Heimat entfernt zu sein.

Drei Maßnahmenpakete gegen die Angst

Ich habe mich sehr intensiv mit meinen Ängsten beschäftigt und folgende Maßnahmen getroffen um meine Angst kleiner zu machen:

1. Sicherheitsmaßnahmen

  • Leicht packen: Auf Dinge die ich nicht dabei habe brauche ich nicht aufzupassen und sie können nicht abhanden kommen. Meine Strategie möglichst leicht zu packen bietet zwei Vorteile die sich sonst oft widersprechen: Freiheit und Sicherheit zugleich.
  • Unauffällig aussehen: Mit einem kleinen Rucksack und Kleidung in dezenten Farben falle ich nicht als Tourist für Diebe und Touristenfänger auf.
  • Wertsachen immer am Körper tragen: Wertsachen wie Geldbeutel, Reisepass, Fahrkarten und Handy trage ich stets vorne am Körper, in Gemeinschaftsunterkünften und Nachtzügen auch nachts. Ich habe dazu eine bequeme Trekkinghose mit vielen Reißverschlusstaschen.
  • Reißverschlussfixierung: Ich wollte keine klassischen Dinge wie Brustbeutel oder Geldgürtel nutzen die ich im Alltag nicht trage. Denn: Ungewohntes macht unsicher. Die Reißverschlüsse der Hosentaschen kann ich zusätzlich von innen mit Sicherheitsnadeln fixieren, so dass sie von außen von besonders dreisten Taschendieben nicht aufgezogen werden können.
  • Notfall-Geldvorrat: Im Rucksack habe ich einen kleinen Notfall-Geldvorrat versteckt. Er ist so dimensioniert dass ich mir für etwa drei Tage Unterkunft und Verpflegung kaufen kann falls der Geldbeutel abhanden kommen sollte oder Kreditkarten nicht funktionieren und keine Bank verfügbar ist.
  • Datensicherung: Von allen wichtigen Dokumenten wie Reisepass, Visa, Krankenversicherung, Führerschein und Adressbuch hatte ich eine Fotokopie im Rucksack mitgeführt sowie elektronisch im Handy und im Internet gespeichert. Von meinen Bankkarten hatte ich nur eine elektronische Variante hinterlegt, da mir eine mitgeführte Papierkopie von Kreditkartendaten im Diebstahlfall als zu riskant erschien.
  • Informieren: Ich habe mich auf der Internetseite des auswärtigen Amtes über Sicherheitsrisiken informiert. So wurde beispielsweise empfohlen in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator nach Einbruch der Dunkelheit wegen der Gefahr von Überfällen nicht mehr alleine aus dem Haus zu gehen.
  • Notfallkarte: Am Körper führte ich stets eine Notfallkarte mit folgenden Informationen für andere und mich mit: Name, Adresse, Geburtsdatum, Name und Telefonnummer der Heimatbasis, Blutgruppe, Krankenversicherung mit Name, Telefonnummer, Geltungsbereich und Policenummer sowie die letzten vier Ziffern meiner Kreditkarten, Gültigkeit und Sperrnummern.
  • Den Super-GAU gedanklich durchspielen: Das Szenario eines Überfalls habe ich gedanklich durchgespielt und mir überlegt was ich beim Verlust all meiner Sachen machen könnte. In diesem Fall hätte ich mit meiner Heimatbasis oder der deutschen Botschaft Kontakt aufnehmen und mir über Dienstleiter wie Western Union Geld schicken lassen können.

Verzichtet habe ich auf viele Schnickschnacks die Outdoorläden anbieten wie beispielsweise Pfefferspray, eine Sicherung des Rucksackes mit einer Alarmanlage, einem abschließbaren Stahlnetz, einem Fahrradschloss oder einem Seil mit Vorhängeschloss. Meiner Meinung nach erhöhen erstens solche Sicherungen nur die Anziehungskraft für Diebe, zweitens sind sie schwer und drittens nutzlos wenn Dieb den Rucksack mit einem Messer aufschlitzt. Mit Unauffälligkeit und Leichtigkeit fühlte ich mich dagegen sicher und frei. Mein einziger wirklicher Sicherheitsgegenstand war ein Vorhängeschloss mit vierstelligem Zahlencode.

2. Gesundheitsvorsorge

  • Informieren: Über die Internetseite des auswärtigen Amtes, beim Tropenarzt, Hausarzt und Gesundheitsamt habe ich mich über mögliche Risiken informiert. Die beste Beratung habe ich beim Gesundheitsamt erhalten.
  • Impfungen: Ich habe bestehende Impfungen soweit erforderlich vorzeitig aufgefrischt und zusätzliche Impfungen wie beispielsweise gegen Tollwut vornehmen lassen.
  • Reiseapotheke: Ich habe mir einen Ein-Liter-Zip-Beutel mit einer Reiseapotheke zusammengestellt und mir Notfall-Medikamente wie beispielsweise Malarone gegen Malaria und ein Breitband-Antibiotikum verschreiben lassen.
  • Auslandskrankenversicherung: Ich habe eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen die einen Krankenrücktransport anbietet wenn es medizinisch sinnvoll ist.
  • Gesundheitsprüfung: Ich habe mich vor der Abreise nochmals komplett durchchecken lassen – auch vom Zahnarzt.
  • Den Super-GAU gedanklich durchspielen: Das Szenario dass zu Hause jemand schwer erkranken oder sterben könnte habe ich gedanklich durchgespielt. Letztlich kam die Erkenntnis dass ich erstens über einen Reiseabbruch im Einzelfall entscheiden muss und zweitens heutzutage von fast jedem Ort der Welt innerhalb von ein bis zwei Tagen nach Hause fliegen kann.

3. Mentale Vorsorge

  • Musik: Ich habe mir Musik und aufmunternde Hörbücher wie Pumuckl auf mein Handy gespielt.
  • Skype: Ich habe skype auf dem Handy installiert und zehn Euro Guthaben hochgeladen um günstig nach Hause telefonieren zu können.
  • Den Super-GAU gedanklich durchspielen: Auch hier hat das Bewusstsein geholfen dass ich heutzutage von nahezu jedem Ort der Welt innerhalb von ein bis zwei Tagen nach Hause fliegen kann.

Die drei Erkenntnisse

Nun ist natürlich interessant welche Befürchtungen tatsächlich eingetreten sind und wie ich heute damit umgehen würde.

1. Erfahrung der Sicherheit

Gerd Steinbäcker singt in seinem Lied “O Xenos”: “Gauner und Deppen gibt´s auf der Welt überall gleich viel”. Damit hat er wahrscheinlich recht: Ich bin weder überfallen, bestohlen oder ausgeraubt werden. Ausgerechnet in Russland habe ich mich sehr sicher gefühlt. In Moskau ist die Polizeipräsenz sehr hoch und in der transsibirischen Eisenbahn hatte ich nur nette Mitreisende. Jeder Wagen ist mit einer Zugbegleiterin besetzt die niemanden ohne Fahrkarte einsteigen lässt. Im Abteil konnte ich meinen Rucksack in einem Gepäckfach unter der hochklappbaren unteren Liege verstauen.
In Ulan Bator habe ich mich im Hostel über die Sicherheitslage informiert und bin trotz Dunkelheit abends alleine außer Haus zum Essen gegangen. Auf der Straße war um 19:00 Uhr noch viel Betrieb und Gefahr drohte erst nach Mitternacht.

Unwohl gefühlt habe ich mich in drei Situationen:

  • Während der Taxifahrt von Listwjanka nach Irkutsk: draußen war es dunkel und nebelig, das Taxi hatte keinen Sicherheitsgurt und der Fahrer hat häufig Fahrzeuge überholt
  • In meiner romantischen Strandhütte auf der Insel Ko Bulon Lae: es hätte keine 12-Meter-Mosterwelle eines Tsunami sein müssen. Eine 2-Meter-Welle hätte genügt und ich wäre mitsamt Hütte ins Meer gespült worden.
  • Während der Busfahrt von Hat Yai nach Kuala Lumpur: Erst dachte ich ein betrunkener Fahrgast würde zusteigen wollen. Bis er auf dem Fahrersitz Platz genommen und den Busfahrer abgelöst hat…

Die Dinge die abhanden gekommen sind habe ich wie so oft selbst zerstört oder vergessen: Meinem Plastiklöffel war das Müsli zu fest und mein Handy-Ladegerät habe ich in Singapur vergessen. An meinem Sicherheitskonzept würde ich nichts ändern.

Das größte Risiko im Ausland erscheint mir der Straßenverkehr zu sein. Und auch hier sollte jeder zuerst bei sich selbst anfangen. Gedankenlos mit dem gewohnten links-rechts-links-Blick eine Straße zu überqueren kann in Ländern mit Linksverkehr tödlich sein.

2. Erfahrung der Gesundheit

Ich bin erkältet von zu Hause losgefahren und erkältet zu Hause angekommen. Gegen Erkältung hatte ich keinerlei Medikamente dabei. Auch nicht gegen Seekrankheit, die mich zwischen Shanghai und Kobe überrascht hat. Ich habe festgestellt dass man auch in anderen Ländern Medikamente kaufen kann und habe meine gesamte Reiseapotheke nicht benötigt. Ich würde sie trotzdem wieder mitnehmen. Außerdem würde ich mir Mückenmittel nicht mehr vor Ort kaufen sondern von der Heimatbasis zuschicken lassen. Ich vertraue der deutschen Chemie doch eher als der thailändischen. Zudem sind gewisse Produkte in Thailand offenbar nicht erhältlich. Dazu zählt beispielsweise Permetrin mit dem man seine Klamotten chemisch gegen Mücken imprägnieren kann. Da meine Kleidung nicht durchstichssicher ist musste meine Haut zur Sicherheit immer zusätzlich mit Chemie zum Mückenschutz besprühen.

3. Erfahrung der Seele

Meine Erlebnisse in meinem Newsletter, meinem Blog und meinem Tagebuch aufzuschreiben hat mir sehr gut getan. Ich habe mich stets über die vielen positiven Rückmeldungen meiner Leser gefreut die mich motiviert haben weiter zu reisen. Ein wichtiges tägliches Ritual war das tägliche Telefonat mit der Heimatbasis. Das Internet führt die Welt zusammen und ich möchte nicht mehr darauf verzichten.

Fazit: Insgesamt stelle ich fest dass die Welt nicht ansatzweise so schlecht und gefährlich ist wie es uns täglich im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung suggeriert wird. Ich habe mich von diesen Medien deshalb in den letzten Jahren weitgehend getrennt und lese Nachrichten nur noch sehr selektiv im Internet.

Wie geht´s weiter?

Am Wochenende 5./6. April 2014 besuche ich in München das Sicherheitstraining “Selbstschutz für Globetrotter”. Das CORE DEFENCE®-Training von Detlef Romeike hilft, in unangenehmen Situationen richtig zu handeln und sich im Notfall erfolgreich zur Wehr zu setzen. Eigentlich wollte ich es schon letztes Jahr besuchen. Damals wurde es wegen zu geringer Teilnehmerzahl abgesagt.

aktualisiert am 20.07.2015

Aufnahme des “Kofferraums“ unter der unteren Liege in einem Wagen der transsibirischen Eisenbahn zwischen Moskau und Irkutsk. Links mein Rucksack, rechts die Billa-Einkaufstüte mit dem Essensvorrat für 4 Tage. Die unteren Liegen sind übrigens auf der Platzreservierung daran erkennbar, dass sie eine ungerade Platznummer haben.