Neue Freiheit

ortsunabhängig arbeiten, Dominik Sommerer, Dominiks Welt

„Wie lange sind Sie heute noch im Büro?“ fragt sie mich am Telefon. „Bis etwa 18 Uhr“ antworte ich. Es wäre kompliziert zu erklären, dass ich mit Laptop und Schnurlostelefon nur in Badehose bekleidet bei 30 Grad im Schatten auf der Terrasse sitze.

Sie würde sich sonst wahrscheinlich dafür entschuldigen, dass sie mich im Urlaub stört. Dabei ist das mein ganz normaler neuer Arbeitsalltag.

Arbeit ist das was ich mache und nicht wo ich bin. In deutschen Unternehmen herrscht in vielen Büros immer noch eine Anwesenheitskultur, die ich nicht mehr für zeitgemäß halte. Da werden wie im Gefängnis Kernarbeitszeiten abgesessen, denn „ich muss ja auf meine Stunden kommen“. Da überwachen Chefs wie im Kindergarten, dass niemand später kommt und früher geht, weil sie nicht in der Lage sind zu kommunizieren, was bis wann erledigt werden muss. Da gibt es in manchen Unternehmen Überstundenzuschläge, jedoch keinen Bonus für produktives arbeiten. Wer früher fertig ist, bekommt zum Dank mehr Arbeit für´s Geld. Ich fand das zunehmend total bescheuert, vor allem seit ich im Jahr 2008 das Buch „Die 4-Stunden-Woche“ von Timothy Ferris gelesen habe.

Nach dem Projekt „Weltreise“ im Jahr 2013 und dem Projekt „Schöner Wohnen“ im Jahr 2014 habe ich im Jahr 2015 damit begonnen, ein weiteres Herzensprojekt umzusetzen: Die berufliche Selbstständigkeit. Mein Wunsch war, über Ort und Zeit frei verfügen zu können, wie ich dies während meiner Weltreise konnte.

Im Jahr 2014 gab es zwei Auslöser die dazu geführt haben, das Projekt voranzutreiben: Erstens führte der Umzug zu einem dreimal so langen Arbeitsweg. Zweitens war ich mit den beruflichen Perspektiven, den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung zunehmend unzufrieden.

Nach langem Zögern habe ich im Oktober 2014 meinen Job als Produktionsplaner Charterverkehr kurzfristig zu Mitte November 2014 gekündigt. Danach folgte eine Phase der Ungewissheit und Neuorientierung.

Sicher war, dass in der Eisenbahnbranche seit Jahren ein großer Fachkräftemangel herrscht und ich im Zweifel leicht wieder eine Festanstellung finden würde. Sicher war auch, dass ich notfalls eine Arbeitslosigkeit mit Eigenmitteln überbrücken könnte.

Doch für mein zukünftiges Arbeitsleben wusste ich zwar wie die Form aussehen sollte, hatte zum Inhalt jedoch nur zwei wage Ideen:

  1. Als Trainer Mitarbeiter im Bahnbetrieb zu schulen
  2. Als Betriebsplaner für Eisenbahnunternehmen Betriebskonzepte zu planen und zu kalkulieren

Schon sechs Wochen später erhielt ich über Kontakte eines langjährigen Freundes den ersten Auftrag, für ein großes Nahverkehrsprojekt das Betriebskonzept zu erstellen. Dabei berechne ich anhand eines vorgegebenen Fahrplans und der prognostizierten Passagierzahlen welche Fahrzeuggröße geeignet ist, wie viele Fahrzeuge, Lokführer und Zugbegleiter erforderlich sind und welche Kosten für Depots, Reinigung, Gleisnutzung und Bahnstrom anfallen.

Der Austausch zu den Projekten findet per E-Mail, in wöchentlichen Telefonkonferenzen und einmal monatlich bei Vor-Ort-Terminen statt. Hier wird vereinbart wer, was bis wann zu erledigen hat.

„Ich habe kurzfristig vom Bauern eine Ente bekommen. Kommst du morgen Mittag um dreiviertel eins zum Mittagessen? Dein Bruder und dein Vater kommen auch.“

Früher musste ich solche Ansinnen meiner Oma inmitten der Kernarbeitszeit oft absagen. Heute kann ich eigenverantwortlich entscheiden, muss niemanden um Erlaubnis fragen und mich bei niemandem rechtfertigen. Diese Freiheit hat allerdings auch ihren Preis: in den letzten Wochen und Monaten habe ich oft bis spätabends und am Wochenende bei 37 Grad im Schatten gearbeitet um Projekte pünktlich fertigzustellen.

Wie gehts weiter?

Kurzfristig möchte ich lernen die gefühlte Unsicherheit durch die Selbstständigkeit zu reduzieren und vor allem zu Aufträgen „nein“ zu sagen, die sich von vornherein nicht gut anfühlen. Weiter möchte ich meine Arbeitsmenge reduzieren, um mehr wieder Freiraum für eigene Projekte zu haben wie Theater spielen, mein Buch zu schreiben und zu reisen. Mein langfristiges Ziel ist es ein eigenes Produkt zu entwickeln. Aber dazu habe ich bisher nur wage Ideen…

Ach ja:

Theoretisch könnte ich jetzt digitaler Nomade werden und mit meinem Laptop durch die Welt ziehen. Aber was soll ich dort wenn ich mich zu Hause derart wohl fühle? Trotzdem möchte ich in der zweiten Jahreshälfte wieder mehr reisen. Den vielfach nachgefragten Lückenschluss der Weltreise wird es jedoch voraussichtlich dieses Jahr nicht mehr geben, da mich andere Reiseziele derzeit mehr reizen.

Blick aus einem Dachfenster im buddhistischen Kloster Plum Village in Frankreich.