Mit der Todeseisenbahn ins Paradies (Kathmandu – Ko Bulon Lae)

Tham-Krasae-Brücke Thailand, Dominik Sommerer, Dominiks Welt

Erste dicke Regentropfen beginnen auf den Boden zu fallen. Ich suche ein ausreichend großes Dach und stelle mich an einem abgesperrten Seitentor des Tempelgeländes unter. Wenige Sekunden später gießt es wie aus Eimern. Meine Mutter würde so etwas als Weltuntergang bezeichnen. Hier ist es nur ein normaler Tropenregen und dennoch das heftigste Gewitter das ich je erlebt habe. Ich befinde mich in Bangkok und habe mir gerade im Wat Pho Tempel eine Thai Massage gegönnt. Hier befindet sich nicht nur eine große vergoldete Statue eines liegenden Buddhas sondern auch DIE Massageschule Thailands. Jetzt heißt es abwarten bis es aufhört zu regnen und damit ich mit Riverboot und Hochbahn zurück ins Hotel fahren kann. Im Tempelgelände beginnt das Wasser zu stehen und steigt und steigt. Dutzende von Kakerlaken flüchten nach und nach aus den Gullideckeln und versuchen auf den etwa 15 Zentimeter hohen Absatz meines Unterstandes zu klettern. Sie schaffen es glücklicherweise nicht. Bis auf eine. Sie sitzt erschöpft in der einen Ecke des Tores. Ich stehe voller Ekel in der anderen Ecke des Tores. Sie verkriecht sich unter einem Stein. Es schüttet immer noch, das Wasser steigt weiter. Zwei Mönche waten barfuß in ihren orangefarbenen Roben mit großen Regenschirmen durch das knöcheltiefe Wasser. Ich knie mich nieder und werfe einen Blick durch den schmalen Schlitz am unteren Ende des großen Tores. Draußen auf der Straße steht das Wasser schon bis zum Randstein und bald drohe ich von zwei Seiten überflutet zu werden. Ich mache mich „seefest“ und wechsele von meinen Wanderhalbschuhen in Flip Flops und zippe die Beine meiner Trekkinghose ab. Wenige Minuten später ist es soweit: Mit jedem Auto das draußen auf der Straße vorbeifährt, schwappt eine Welle von draußen über das Podest des Tores in das Tempelgelände. Und spült dutzende von Kakerlaken auf meinen Unterstand die teils auf dem Rücken liegend um meine nackten Füße zappeln. Gott sei Dank hört es gerade auf zu regnen. Ich flüchte und wate durch das Tempelgelände zu einem kleinen Schrein wo ich drei Stufen höher ein kakerlakenfreies Podest finde.

Trotz der Kakerlakenflut habe ich nach zwei Tagen im eher chaotischen Kathmandu die Stadt Bangkok als Oase der Ruhe empfunden – sauber und äußerst geordnet. Als ich letztes Jahr nach 11 Tagen Strandurlaub in Bangkok eintraf fand ich die Stadt furchtbar. Diesmal habe ich es umgekehrt gemacht.

Bevor ich von Bangkok aus weiter nach Süden an den Strand gefahren bin habe ich am Freitag noch einen Abstecher zur berühmten Brücke am Kwai gemacht. Wie immer natürlich nicht mit dem Touristenzug. Zweimal täglich verkehrt ein regulärer Personenzug dritter Klasse auf der ehemals bis Burma weiterführenden Bahnlinie welche die japanische Armee im zweiten Weltkrieg in 15 Monaten Bauzeit von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern bauen ließ. 108.000 Menschen starben beim Bau der Strecke weshalb sie den Beinamen Todeseisenbahn hat. Ganze 17 Monate war die 415 Kilometer lange Strecke in Betrieb und wurde nach Kriegsende im Grenzbereich zwischen Thailand und Burma abgebaut. 131 Kilometer sind auf thailändischer Seite noch in Betrieb, wobei die Pünktlichkeitswerte nicht mehr japanischen Standards entsprechen. Mit 20 Minuten Verspätung verlassen wir den Bahnhof Bangkok Noi und fahren mit vier Wagen gezogen von einer sechsachsigen Diesellok von General Electric vorbei an Kautschukplantagen, Kokusnusspalmen, Reisfeldern, Rohrzuckerfelden und Bananenstauden nach Kanchanaburi. Dort werden mit der Zuglok sechs Wagen Spitze beigestellt und an einem Haltepunkt vor der Brücke am Kwai steigen die Touristenmassen ein. Die Brücke ist eine völlig unspektakuläre Stahlbogenbrücke wie sie bei uns in Deutschland vielfach zu finden ist. Sehr interessant dagegen ist die hölzerne Thamkrasae-Brücke im hinteren Streckenabschnitt welche an einem steilen Felshang entlangführt. Am Haltepunkt dahinter steigen auch die meisten Touris wieder aus. Den Endbahnhof Nam Tok erreichen wir mit einer Verspätung von 120 Minuten. Auf dem Rückweg stellen wir in Kanchanaburi am Zugschluss fünf Wagen ab. Und ich marschierte in den ersten Wagen zum Zugchef. Ich zeige ihm meine Fahrkarte von Nakhon Pathom nach Trang, deute auf die dort abgedruckte Abfahrtszeit „18:33“ sowie auf die Uhr meines Handys und male ein Fragezeichen in die Luft. Ich will nämlich weiter auf die kleine Insel Ko Bulon Le im Süden Thailands und wenn ich den Nachtzug nach Trang nicht erreiche verpasse ich das nur einmal täglich verkehrende Boot. Der Zugbegleiter versteht, telefoniert und sagt: „no worry!“ Ich soll gleich im Dienstabteil bleiben, er kümmere sich darum. Da sitze ich also zwischen mit dem thailändischen Zugpersonal, fliegenden Essenshändlern und einem eine Zigarette rauchenden Mönch (wie war das mit der Enthaltsamkeit?) und harre der Dinge. Als wir in Nakhon Pathom ankommen ist der Nachtzug von Bangkok nach Trang noch nicht einmal da. Die 30 Minuten Verspätung waren dann auch noch deutlich ausbaufähig und mit fast zwei Stunden Verspätung hatte ich in Trang einen schlanken Anschluss auf den Minibus zum Hafen von Pak Bara. Mit einem Motorboot ging’s dann bis vor die Insel Ko Bulan wo wir auf offener See mitsamt Gepäck auf ein Longtailboot umsteigen mussten – eine äußerst wackelige Angelegenheit.

„Das ist ja wie im Paradies“, dachte ich mir als wir mit dem Longtailboot durch das türkisblaue Meer auf den weißen Sandstrand des Bulone Resorts auf der kleinen thailändischen Insel Ko Bulon Le zusteuerten. Dahinter Kokospalmen, Strandhütten und über uns strahlend blauer Himmel.

Mein innerer Sicherheitsbeauftragter sah das wie immer freilich anders. „Hier gibt’s Stechmücken die Krankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber übertragen, Kakerlaken und anderes Ungeziefer“. Während der Nachtzugfahrt von Nakhon Pathom nach Trang hatte er schon die fehlende Brandmeldeanlage und das fehlende Notausstiegskonzept moniert. Ich hatte andere Sorgen, war es doch trotz T-Shirt und Fleecepullover im klimatisierten Schlafwagen extrem kalt. Doch ich war zu faul mitten in der Nacht von der oberen Liege herunterzuklettern und die voller Freude auf einen warmen Urlaub ganz unten in den Rucksack eingepackten Winterklamotten auszupacken.

Für die letzten Meter half dann nur ein Sprung ins warme Wasser denn die Insel hat keinen Pier. Dank der umständlichen Erreichbarkeit ist die Insel vom Massentourismus verschont geblieben. Es gibt ein paar Resorts – ansonsten Strand und Dschungel. Keine Straßen, keine Autos. Aufmerksam auf die Insel wurde ich über das Buch „Gebrauchsanweisung für Thailand“. Hier wohne ich nun bis voraussichtlich Samstag in einer kleinen Bambushütte direkt am Strand sofern diese nicht von der nächsten Flut ins Meer gespült wird. Mein Nachbar ist letzte Mitternacht ausgezogen nachdem sich die Springflut bis unter seine Hütte gegraben hatte. In der Nacht nach Neumond ist die höchste Tide so dass ich wahrscheinlich ab heute Nacht wieder ruhiger schlafen kann.

Ach ja:
Von den Unruhen in Bangkok habe ich nur wenig mitbekommen. Letzte Woche bin ich aus der Hochbahn ausgestiegen und habe Pfiffe gehört. Unten auf der Straße war eine Demo. Ich bin dann schnell in eine Shopping Mall geflüchtet und habe im Starbucks einen Tee und einen Blaubeermuffin verzehrt bis der Spuk vorüber war.

Wie geht’s weiter?
Voraussichtlich am Samstag setze meine Fahrt mit der Eisenbahn über Malaysia nach Singapur fort. Von dort fliege ich am Donnerstag nächster Woche nach Frankfurt. Ja, du hast richtig gehört, nach Frankfurt. Warum?

Die Fakten sind:

  1. Ich habe jetzt alle Dinge angeschaut die mir viel bedeutet haben: Russland, Japan und China – verbunden mit tagelangen Zugfahrten. Das war der Hauptgrund für diese Reise. Damit ist bei mir sozusagen die Luft raus.
  2. Mein Bedürfnis nach Sightseeing ist gesättigt.
  3. Meine Stressresistenz und Abenteuerlust tendieren inzwischen gegen Null.
  4. Ich drücke mich seit 4 Wochen davor einen Flug nach Australien zu buchen. Einerseits kann das ein Zeichen für Risiken sein, die ich scheue einzugehen und denen es sich lohnt zu stellen. Andererseits kann es sein dass die Begeisterung fehlt, wie bei mir: Die Zugverbindungen sind mir derzeit zu selten und das Preis-Leistungsverhältnis passt insgesamt nicht. Ich habe dort keine „must sees“ und für „nice to have“ ist mir das Land zu teuer.
  5. Vanuatu ohne Australien zu besuchen führt zu einem schlechtem Kosten-Nutzen-Faktor. Zudem ist dort eine sehr ungünstige Reisezeit mit der Gefahr von Wirbelstürmen. Ich könnte dort nicht ruhig schlafen (siehe Punkt 3).
  6. Nur USA reizt mich nicht zumal es keine Direktflüge zwischen Südostasien und USA mehr gibt. Singapur Airlines hat die beiden weltweit längsten Linienflüge nach Los Angeles und New York vor ein paar Wochen eingestellt. Ich fliege nicht über die Philippinen, Japan oder China (nicht schon wieder…) nach USA weil das geographisch nicht harmonisch aussieht. Ansonsten siehe Punkt 2 und 3.
  7. Ich bin ein Familienmensch und habe bisher kein Alternativkonzept für Weihnachten.

Ich habe mir natürlich Gedanken darüber gemacht ob ich es später bereuen würde wenn ich die Reise in Singapur abbreche.

Ich bin zur Erkenntnis gelangt dass es die gesamte bisherige Reise abwerten würde wenn ich mich die nächsten Monate ohne Offenheit, Freude und Interesse durch die drei verbleibenden Länder quälen würde nur um eine Weltumrundung zu schaffen. Ich habe sportliche Leistungen schon in der Schule gehasst, fand es sinnlos in einem Schwimmbecken hin und her zu schwimmen oder möglichst schnell im Kreis zu rennen wenn es mir keine Freude bereitet. Ähnlich geht es mir mit der Weltumrundung.

Ich will stattdessen:
1. Weihnachten im Kreis der Familie verbringen
2. Im Januar ein paar Wochen in Plum Village verbringen, einem Zen-Kloster in Frankreich des vietnesischen Mönchs Thich Nhat Hanh. Das reizt mich seit langem.
3. Den „Rest der Welt“ bereisen wenn ich wieder Lust dazu habe.

Aufnahme auf der Todeseisenbahn auf der Tham-Krasae-Brücke zwischen Nam Tok und Bangkok.