Hinaus auf´s Meer (Ulan Bator – Shanghai)

mongolischer Speisewagen, Dominik Sommerer, Dominiks Welt

Schon wieder ein deutscher Zug! Seit ich vor einem Monat gestartet bin habe ich die gesamte Strecke von Nürnberg bis Shanghai immer in in Deutschland gebauten Schienenfahrzeugen gesessen. Bevor ich im Südbahnhof von Peking in die von Siemens gebaute chinesische Variante des ICE nach Shanghai einsteigen durfte musste ich einen Prozess wie am Flughafen durchlaufen: in der riesigen Bahnhofshalle die Rolltreppe hinauf, durch die Sicherheitskontrolle zum Gate 14 und nach dem Vorzeigen meiner Fahrkarte und meines Passes die Treppe hinunter zum Bahnsteig. Ich reise 2. Klasse was in China „hart sitzen“ heißt während die 1. Klasse „weich sitzen“ heißt. Doch auch in der zweiten Klasse sind die Sitze weich gepolstert. Fünf davon sind nebeneinander angeordnet und bieten reichlich Beinfreiheit. Dann ging’s los: mit 300 km/h und drei Zwischenhalten über die zweitlängste Hochgeschwindigkeitsstrecke der Welt von Peking nach Shanghai. 1318 Kilometer in 4 Stunden und 55 Minuten. Beeindruckend! Die Strecke ist das größte Investitionsprojekt in der 1949 gegründeten Volksrepublik China und nur die Verbindung Peking – Guangzhou (bei Hongkong) ist länger.

Eigentlich wäre ich gerne länger in Peking geblieben. Mit 22 Millionen Einwohnern war die Stadt zwar großer Kontrast zur Mongolei wo so viele Einwohner wie in Berlin in einem Land leben das drei mal so groß ist wie Deutschland. Dennoch hat mich Peking positiv überrascht. Die Luft ist im Vergleich zu Ulan Bator sehr sauber wo abgasarme Autos ein Fremdwort sind und viele Häuser mit Rohkohle beheizt werden. Es gibt viel Grün und das Lucky Family Hostel lag zentral in einer ruhigen Gasse. Auch ein Fahrrad konnte ich dort mieten und habe damit am Dienstag Peking erkundet. Die gut ausgebauten breiten Radwege sind mit Zäunen zur Straße hin gegen Falschparker und zum Gehsteig hin gegen freilaufende Fußgänger abgegrenzt.

Zuerst ging’s in den Jinshan Park wo zahlreiche Chinesen gerade mit ihren morgendlichen Tai Chi Übungen befasst waren. Von einem Hügel im Park hatte ich einen beeindruckenden Blick auf die Verbotene Stadt. Drinnen ging’s dagegen zu wie auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt am Samstagnachmittag. Mit dem Unterschied dass Chinesen sich gerne lautstark unterhalten und sich die Reiseleiter der jewiligen Gruppen gegenseitig mit Lautsprechern zu übertönen versuchen. Von meinem Audioguide habe ich jedenfalls nur wenig verstanden. Aufgrund des hohen Besucheraufkommens gilt eine Einbahnregelung: ich musste meine Tour durch die verbotene Stadt im Süden beginnen und im Norden beenden.

Nachdem ich problemlos mein Fahrrad wieder gefunden hatte fuhr ich weiter zum Platz des Himmlischen Friedens. Den größten Platz der Welt betrete ich nach der Sicherheitskontrolle durch eine Unterführung. Meine Wasserflasche darf ich behalten, doch es wird hineingeschnüffelt ob nicht vielleicht Benzin drin ist. Was eigentlich nicht schlimm wäre denn hier stehen überall nette Herren mit Feuerlöschern parat falls sich jemand, natürlich ganz aus Versehen, damit übergießt und beim Anzünden einer Zigarette versehentlich in Brand gerät. Der Platz beeindruckt mich. Hier ist die Macht Chinas spürbar.

Am Mittwoch habe ich an einem Ausflug zur chinesischen Mauer bei Mutianyu teilgenommen. Eigentlich wäre ich gerne einen Tag lang auf der Mauer von A nach B gewandert doch eine solche Tour wurde nicht angeboten und das war auch gut so. Nach drei Stunden Aufenthalt auf der Mauer war ich total fertig. Vor allem die renovierten Abschnitte der Mauer sind anspruchsvoll zu begehen weil es ständig mehr oder weniger große Stufen bergab und bergauf geht. Besser zu begehen sind die nicht renovierten zugewucherten Abschnitte wo es eine Art Wanderweg gibt. Während China im Westen durch den Himalaya und im Osten den Pazifischen Ozean gut abgegrenzt ist sollte die große Mauer das Reich der Mitte gegen Eindringlinge aus dem Norden absichern.

Auch heute noch scheinen die Chinesen ein Problem mit ihren nördlichen Nachbarn zu haben. Als ich in der Bank of China in Shanghai meine restlichen mongolischen Tögrög in Yuan wechseln will schaut mich die Bankangestellte ganz entsetzt an und sagt: „mongolian money? No!“ Meine 500 Rubel konnte ich nach dem Ausfüllen eines Formulars und Vorzeigen meines Passes in Yuan tauschen. Überhaupt scheint man in China bei fast allem einen Pass vorzeigen oder ein Formular ausfüllen zu müssen. Beschwert euch nie wieder über deutsche Bürokratie… Bevor ich die Bank of China verlasse wünsche ich dem wartenden Geschäftsmann aus Nürnberg der ein Unternehmen an die Börse bringen will viel Erfolg.

Nach Shanghai bin ich gefahren weil es hier die einzige öffentlich betriebene Transrapid-Strecke der Welt gibt. Die 30 Kilometer lange Magnetschienenbahn verbindet den Flughafen Pudong mit einem Vorort von Shanghai. Kommerziell ist die Strecke kein Erfolg. Das ist nicht verwunderlich musste ich doch aus der Innenstadt kommend mit der Metro-Linie 2 – die ohnehin zum Flughafen fährt – an der Longyang Road in den Transrapid umsteigen und eine neue Fahrkarte kaufen die zehn mal so teuer ist wie die U-Bahn. Am Freitag Nachmittag bin ich dann noch durch Shanghai gebummelt das ein sehr europäisches Flair hat.

Shanghai heißt auf deutsch „hinaus auf’s Meer“. Das habe ich wörtlich genommen: Am Samstag um 12:30 Uhr hieß es „Leinen los!“. Nach zwei Nächten und einem Tag auf See bin ich heute morgen in Kobe in Japan eingelaufen. Die Überfahrt war sehr luxuriös da ich die gebuchte 4-Bett-Kabine für mich alleine hatte. Es war allerdings keine gute Idee mit einem Schiff in der Größe einer Nordseefähre über den pazifischen Ozean zu fahren. Während der bisher längsten Schifffahrt meines Lebens durfte ich meine ersten Erfahrungen mit Seekrankheit machen. Andererseits bin ich schon etwas stolz darauf ohne Flugzeug nach Japan gereist zu sein.

Wie geht’s weiter?
Zwei Wochen lang werde ich nun Japan mit dem Japan Rail Pass entdecken. Vom 12.-14. November geht es dann mit der Fähre Xin Jian Zhen zurück nach Shanghai, nach einer Nacht im Hotel über die höchste Eisenbahn der Welt nach Lhasa und über den Friendship Highway nach Kathmandu in Nepal.

Ach ja:
Von allen bisherigen Grenzübertritten war die Show an der mongolisch-chinesischen Grenze in Erlian am Besten. Bei Einfahrt meines Zuges von Ulan Bator nach Peking tönte Marschmusik aus den Bahnsteiglautsprechern und die Uniformierten standen am Hausbahnsteig aufgereiht an der weißen Linie am Bahnsteig. Danach wurde der Zug unter Aufsicht der Uniformierten in eine Werkstatthalle rangiert wo die Drehgestelle getauscht wurden. In Weißrussland, Russland und der Mongolei sind die Schienen nämlich mit 1524 Millimetern weiter auseinander als in China und in Deutschland mit 1435 Millimetern. Nachdem wir die eingesammelten Pässe mitsamt dem chinesischen Einreisestempel hatten sind die uniformierten Herren abgetreten und aus der Werkstatthalle marschiert. Dafür gab’s im Gegensatz zur gleichen Prozedur in Brest an der polnisch/weißrussischen Grenze keine Muttis die Hähnchen mit Kartoffeln verkauft haben. Wir mussten nämlich im Zug bleiben.

Aufnahme im mongolischen Speisewagen zwischen Ulan Bator und Erenhot.