Die längste Zugfahrt meines Lebens (Moskau – Irkutsk)

Baikalsee, Listwjanka, Dominik Sommerer, Dominiks Welt

Geschafft! Die bisher längste Zugfahrt meines Lebens liegt hinter mir. 74 Stunden. 4 Nächte. 3 Tage. 5153 Kilometer durch fünf Zeitzonen.

Am Donnerstag war ich nach der Besichtigung des Lenin-Mausoleums, des Gorky-Parks und der Erlöser-Kathedrale bereits vier Stunden vor Abfahrt von Zug Nr. 006 am Yaroslawer Bahnhof von Moskau. Das schaffen bei unseren Sonderzügen nicht einmal die Senioren.

Erleichterung bei der Abfahrt: Meine Mitreisenden sind keine trinkfreudigen Kerle sondern eine Mutter die mit ihrem Sohn nach Kirov fährt um dort ihre Freundin zu besuchen. So gabs statt Wodka schwarzen Tee. Und eine Gute-Nacht-Geschichte während uns der Lokführer in den Schlaf geschaukelt hat. Die weitere Strecke von Jekaterinburg bis Irkutsk hatte ich eine junge Frau im Abteil und mich nett mit zwei anderen Weltenbummlern aus Amsterdam und Vancouver aus dem Nachbarabteil unterhalten.

Was um Himmels Willen macht man 74 Stunden im Zug?
Eigentlich ist das wie Strandurlaub – nur ohne Strand. Abschalten. Aus dem Fenster schauen. Endlose Birkenwälder an sich vorbei ziehen lassen. Tee trinken. Schlafen. Lesen. Musik hören. Aussteigen. Frische Luft schnappen. Bei den goldbezahnten Muttis am Bahnsteig etwas zu Essen kaufen. Einsteigen. Einen der längsten Flüsse der Erde überqueren von dessen Existenz du bisher nicht wusstest und der zu großen Diskussionen führen würde wenn du ihn bei Stadt-Land-Fluss eintragen würdest. Im dunklem nach dem Obelisken suchen der die Grenze zwischen Europa und Asien markiert…

Dass ich mich schnell heimisch fühlte lag auch daran dass mein Wagen (9 Abteile mit je 4 Liegeplätzen) von der Deutschen Waggonbau AG in Ammendorf gebaut wurde.

Was kostet die Fahrt mit der Transsib?
Für die über 5000 Kilometer lange Strecke von Moskau nach Irkutsk habe ich im Vierbettabteil umgerechnet 213 Euro bezahlt, also 4 Cent pro Kilometer. Darin enthalten sind Bettwäsche, ein Handtuch und heißes Wasser so viel man will aus dem Samovar. Noch günstiger geht’s im Platzkartny, einem Großraum-Liegewagen mit 54 Plätzen. Das kostet die Hälfte des „Kupe“, während das 2-Bett-Abteil das Doppelte kostet.

Warum ist die Transsib so sicher?
1. Das Gepäck verstaut man in einem Kasten unter der Sitzbank. Wenn man liegt oder sitzt hat niemand Zugriff auf das Gepäck.
2. Jeder Wagen wird von einer „Provodnitsa“ begleitet. Draußen am Bahnsteig ist sie Türsteherin, macht ein ernstes Gesicht und ohne gültige Fahrkarte kommt an ihr niemand vorbei in den Wagen. Drinnen im Zug ist sie gute Fee, lächelt, verteilt Bettwäsche, Tee und macht sauber.

Wie geht’s weiter?
Ich bleibe bis Freitag in Listwjanka am Baikalsee und fahre zum Wochenende hin weiter in Richtung Mongolei. Der Baikalsee ist der tiefste See der Welt und beherbergt 20 Prozent aller weltweiten Süßwasserreserven. Das heißt konkret: Mit dem Wasser aus dem See könnten alle Menschen der Erde die nächsten 40 Jahre mit Trinkwasser versorgt werden.

Ach ja:
Mein Zimmer hat drei (!) Fenster davon eines mit grandioser Aussicht auf den Baikalsee und den dahinter liegenden schneebedeckten Bergen…

Aufnahme über den Baikalsee von Listwjanka aus.